Ludwig Wittgenstein: Volksschullehrer

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1919

Im Januar wird er in ein Kriegsgefangenenlager nach Cassino verlegt. Auf dem Weg dorthin befreundet er sich mit dem Bildhauer Michael Drobil und den Lehrern Ludwig Hänsel und Franz Parak. Mit der Fertigstellung der Abhandlung erfährt Wittgenstein für sich selbst den Berufsverlust, denn er ist überzeugt, hiermit seine Arbeitsmöglichkeiten in der Philosophie erschöpft zu haben. So beschließt er, wohl auch unter dem Einfluß der neuen Freunde, nach der Entlassung aus der Gefangenschaft selbst Lehrer zu werden.

Mit Hilfe des Roten Kreuzes schickt er im Juni je ein Exemplar seines Manuskripts, von dem er bei der Gefangennahme zwei Kopien in seinem Rucksack hatte, an Russell und an Frege. Das Verhältnis zu seinen englischen Freunden ist durch den Krieg belastet: Whitehead, der einen Sohn im Feld verloren hat, will Wittgensteins Namen nicht mehr hören; Russell steht mit seinem radikalen Pazifismus, der ihn ins Gefängnis brachte, in krassem Gegensatz zu Wittgensteins freiwilligem Kriegsdienst, ohne daß jedoch die gegenseitige Zuneigung und Achtung darunter gelitten hätte.

Im August wird Wittgenstein aus der italienischen Gefangenschaft entlassen und kehrt zu seiner Familie nach Wien zurück. Als erstes entledigt er sich seiner gesamten Erbschaft, die er unter seinen Geschwistern verteilt. Danach beginnt er am 16. September eine Ausbildung zum Volksschullehrer in der Lehrerbildungsanstalt Kundmanngasse im dritten Wiener Gemeindebezirk. Seine Arbeit in der Philosophie glaubt Wittgenstein mit der Logisch-philosophischen Abhandlung endgültig abgeschlossen zu haben. Schon im Vorwort zur Abhandlung 1918 schreibt er: Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und einige Jahre später fügt er in einem Gespräch mit Frank Ramsey hinzu, daß niemand mehr als fünf oder zehn Jahre in der Philosophie arbeiten könne, und für sein Buch habe er sieben gebraucht.

Er bemüht sich erneut um die Veröffentlichung der Logisch-philosphischen Abhandlung, zunächst bei Braumüller in Wien, der auf einer Beteiligung des Autors an den Druckkosten besteht, was Wittgenstein als unmoralisch ablehnt; dann mit Freges Hilfe in der Zeitschrift Beiträge zur Geschichte des deutschen Idealismus, deren Verleger als Voraussetzung für die Veröffentlichung, Änderungen am Manuskript fordert, die Wittgenstein verweigert. Ludwig v. Ficker erscheint das finanzielle Risiko einer Veröffentlichung im Brenner zu groß. Er versucht statt dessen erfolglos, mit Hilfe von Rainer Maria Rilke eine Veröffentlichung im Insel Verlag in Leipzig zu vermitteln und später bei Otto Reichel, dem Verleger Eduard von Keyserlings, in Darmstadt.

In der Zeit vom 13. bis 20. Dezember trifft Wittgenstein Russell in Den Haag, um ihm sein Buch zu erklären. Zur Deckung der Reisekosten bittet er Russell, seine in Cambridge eingelagerten Sachen, Möbel, Bücher etc. zu verkaufen und die sich darunter befindlichen Manuskripte zu vernichten: Unter meinen Sachen befinden sich auch eine Menge Tagebücher und Manuscripte. Diese sind alle zu verbrennen!!! (Brief an Russell, 1. November 1919, Briefe, Frankfurt 1980)

Ludwig Wittgenstein. Porträt zur Erteilung der Lehrberechtigung

Ludwig Wittgenstein. Porträt zur Erteilung der Lehrberechtigung


1920

Russell hatte angeboten, für das Buch eine Einleitung zu schreiben, um so die Chancen für eine Veröffentlichung im Reclam-Verlag zu bessern. Anfang April erhält Wittgenstein das Manuskript von Russells Einleitung, doch ist er, wie er am 9. April an Russell schreibt, mit manchem darin nicht ganz einverstanden; sowohl dort, wo Du mich kritisierst, als auch dort, wo Du bloß meine Ansicht klarlegen willst. Nachdem Wittgenstein die deutsche Übersetzung gelesen hat, entscheidet er sich Anfang Mai gegen eine Publikation: Die Feinheit Deines englischen Stils war nämlich in der Übersetzung - selbstverständlich - verlorengegangen und was übrig blieb war Oberflächlichkeit und Mißverständnis. (Brief an Russell, 6. Mai 1920, Briefe, Frankfurt 1980)

Im Juli beendet Wittgenstein die Ausbildung zum Lehrer. Sein letzter Versuch, das Buch zu veröffentlichen, scheitert, weil er die Publikation von Russells Einleitung ablehnt; sie sollte, wie er Russell schreibt, dem Verleger lediglich zur Orientierung dienen. Sechs Wochen nach der Absage von Reclam, am 7. Juli, schreibt Wittgenstein an Russell: Reclam hat mein Buch natürlich nicht genommen und ich werde vorläufig keine weiteren Schritte tun, um es publizieren zu lassen, so steht es Dir ganz zur Verfügung und Du kannst damit machen, was Du willst. (Nur wenn Du am Text etwas änderst, so gib an, daß die Änderung von Dir ist.) Im August arbeitet Wittgenstein als Hilfsgärtner im Stift Klosterneuburg in der Nähe von Wien. Im September tritt er seine erste Stelle als Volksschullehrer in Trattenbach, einem kleinen Dorf am Semmering in Niederösterreich, an.

Ich habe jetzt emeut Schwierigkeiten wegen meines Buches. Niemand will es verlegen. Erinnerst Du Doch noch, wie Du mich immer drängtest etwas zu veröffentlichen: und jetzt, wo ich es möchte, geht es nicht. Das soll der Teufel holen!
Wittgenstein in einem Brief an Russell, 27.11.1919

Russell reist im Herbst für ein Jahr nach China zu einer Gastprofessur an der Universität Peking. Er beauftragt eine Schülerin, die Mathematikerin Dorothy Wrinch, für die Veröffentlichung von Wittgensteins Arbeit zu sorgen.

1921

Am 14. Januar lehnt das Syndicate des Universitätsverlags Cambridge University Press (ein Gremium von Universitätslehrern, das über das Verlagsprogramm entscheidet) die Veröffentlichung ab, da Wittgensteins Manuskript ohne Russells Einleitung angeboten wird. Im Februar übernimmt Wilhelm Ostwald die Publikation, allerdings nur zusammen mit Russells Einleitung. Die Logisch-philosophische Abhandlung erscheint erstmals 1921 in der letzten Nummer von Ostwalds Annalen der Naturphilosophie. Wittgenstein ist an der Herausgabe nicht beteiligt.

Die Sommerferien verbringt er mit Arvid Sjögren, einem Freund der Familie und dem späteren Ehemann seiner Nichte Clara, in Norwegen, wo er zum ersten Mal die Hütte bewohnt, die er sich 1914 in Skjolden gebaut hatte.

Nach erfolglosen Versuchen in Deutschland einen Verleger für Wittgensteins Abhandlung zu finden, und nach der Ablehnung durch die Cambridge University Press wendet sich Dorothy Wrinch an einen Freund, C. K. Ogden, den Herausgeber einer wissenschaftlichen Reihe im Verlag Kegan Paul, The International Literary of Psychology, Philosophy and Scientific Method. Ogden zeigt mehr Verständnis für die Bedeutung von Wittgensteins Arbeit als die zuvor angesprochenen Verleger und Herausgeber. Er schlägt Russell vor, das Werk in der von ihm betreuten Reihe zu veröffentlichen.

1922

Im März erhält Wittgenstein von Ogden das Manuskript der englischen Übersetzung seines Buches und kurz darauf auch einen Sonderdruck der Annalen mit der ersten Veröffentlichung seiner Abhandlung. Er ist über die liederliche Publikation empört und bezeichnet sie als Raubdruck. Mit Ogden überarbeitet er in einer ausführlichen Korrespondenz den Text der deutschen Veröffentlichung und die englische Übersetzung. Am 22. Juni überträgt er in einem Brief sämtliche Veröffentlichungsrechte an den Verlag Kegan Paul in London. Wittgenstein trifft im August Russell ein zweites Mal, diesmal in Innsbruck.

Im September wechselt er die Schule und kommt für kurze Zeit als Hauptschullehrer nach Haßbach bei Neunkirchen in Niederösterreich. Seine neue Umgebung mißfällt ihm, ganz besonders der Umstand, daß er seine Klasse jeweils nur für ein Jahr führt und nicht, wie an den kleineren Schulen üblich, durch die gesamte Schulzeit. Aufgrund seines Antrags, wieder als Volksschullehrer eingestuft zu werden, wird er in den kleinen Ort Puchberg am Schneeberg versetzt.

Wittgenstein mit seinen Schülern in Puchberg am Schneeberg

Wittgenstein mit seinen Schülern in Puchberg am Schneeberg

Im November erhält Wittgenstein die ersten Autorenexemplare der deutsch-englischen Ausgabe der Logisch-philosophischen Abhandlung mit dem von Moore für die englische Übersetzung vorgeschlagenen Titel Tractatus Logico-Philosophicus.

1923

Von Ogden erfährt Wittgenstein, daß Frank Ramsey, der einen wesentlichen Beitrag zur Übersetzung des Tractatus geleistet hat, und der zu der Zeit noch Student im Trinity College war, ihn in Österreich besuchen will. Tatsächlich kommt Ramsey im September für zwei Wochen nach Puchberg; Wittgenstein liest mit ihm täglich mehrere Stunden im Tractatus und erklärt seine Gedanken. Im Verlauf dieser Gespräche macht er in Ramseys Exemplar eine Reihe von Änderungen und Korrekturen an der englischen Übersetzung sowie einige Anmerkungen und Änderungen am deutschen Text. Viele dieser Änderungen wurden dann in der zweiten Auflage von 1933 berücksichtigt.

In der philosophischen Zeitschrift Mind veröffentlicht Ramsey im Oktober eine erste Rezension des Tractatus. Am 22. Juli 1924 schreibt er seiner Mutter nach Cambridge: We really live in a great time for thinking, with Einstein Freud and Wittgenstein all alive, and all in Germany or Austria, those foes of civilisation!

Wittgenstein bittet Ramsey, sich in Cambridge nach den Möglichkeiten für einen formalen Abschluß seiner Studien zu erkundigen. Aufgrund geänderter Vorschriften ist es für ihn jedoch nicht mehr möglich, den angestrebten Grad eines Bachelor, einen B.A. zu erlangen. Statt dessen wird ihm von Keynes und Ramsey vorgeschlagen, sich um einen Ph.D., einen Doktorgrad, zu bemühen. Keynes stiftet &163;50, um Wittgenstein die Reise nach England zu ermöglichen.

1924

Ramsey wird als Fellow an das King's College berufen. Die Monate vor Antritt der neuen Stelle verbringt er mit Reisen auf dem Kontinent. Von März bis Oktober hält er sich für eine Psychoanalyse bei Theodor Reik in Wien auf. Er besucht Wittgenstein regelmäßig in Puchberg, wo die beiden gemeinsam arbeiten: Auch ich konnte jetzt für ein paar Tage kaum reden, weil ich in der letzten Zeit den ganzen Tag reden mußte. Vormittags in der Schule und nachmittags mit Ramsey aus Cambridge, der beinah 14 Tage geblieben ist. Es war ein Vergnügen auch für mich, wenn auch eine sehr große Anstrengung. (Wittgenstein in einem Brief an seine Schwester Hermine, undatiert)

Die Sommerferien verbringt Wittgenstein wieder in Wien und auf der Hochreith; die geplante Reise nach England verschiebt er auf das folgende Jahr. Im Herbst wechselt er erneut die Schule. Er wird nach Otterthal, einem Dorf in der Nähe von Trattenbach, versetzt.

Am 25. Dezember schreibt Schlick zum ersten Mal an Wittgenstein und bittet darum, ihn mit einem ausgewählten Kreis seiner Schüler und Kollegen besuchen zu dürfen. Seit dem Erscheinen der Logisch-philosophischen Abhandlung werden Wittgensteins Gedanken in Wien mit größtem Interesse diskutiert, besonders seitdem 1922 der eben berufene deutsche Mathematiker Reidemeister in einem Seminar von Prof. Hans Hahn über Wittgensteins Buch referiert hat. In dem losen Diskussionskreis um Moritz Schlick, aus welchem später der Wiener Kreis hervorgeht, ist man von der Wichtigkeit und Richtigkeit der Grundgedanken Wittgensteins überzeugt. Es ist ein Anliegen dieser Gruppe, Wittgensteins Ansichten zu verbreiten.

1925

Am 22. April schreibt Wittgenstein ein Geleitwort zu seinem Wörterbuch für Volksschulen, das er seit Beginn der Lehrerzeit zusammen mit seinen Schülern zur Verbesserung der Rechtschreibung unter besonderer Berücksichtigung des lokalen Dialekts erarbeitet hatte. Dieses zweite Buch Wittgensteins wird 1926, ohne die Einleitung bei Hölder-Pichler-Tempsky in Wien veröffentlicht.

Wörterbuchsammlung der Schülerin Leopoldine Eichberge

Wörterbuchsammlung der Schülerin Leopoldine Eichberge

Im Sommer unternimmt Wittgenstein die versprochene Reise nach England; er besucht Keynes in dessen Haus in Sussex, sieht Freunde in Cambridge und trifft sich mit Eccles, dem Freund aus der Studentenzeit, im Engineering Lab in Manchester.

Am 26. Juli stirbt Frege. Wittgensteins Briefe an Frege gehen im Zweiten Weltkrieg verloren; lediglich eine Liste der von Frege aufbewahrten Briefe Wittgensteins mit knappen Inhaltsangaben ist erhalten geblieben. Die Briefe Freges an Wittgenstein sind zusammen mit ca. 400 weiteren Briefen an Wittgenstein im Frühjahr 1988 durch glückliche Umstände in Wien wieder aufgetaucht. Sie befinden sich derzeit im Brenner-Archiv der Universität Innsbruck.

Frank Plumpton Ramsey

Frank Plumpton Ramsey

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