Ludwig Wittgenstein: häusliches Milieu

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Etwas in mir spricht dafür, meine Biographie zu schreiben und zwar möchte ich mein Leben einmal klar ausbreiten, um es klar vor mir zu haben, und auch für andere. Nicht so sehr um darüber Gericht zu halten, als jedenfalls Klarheit und Wahrheit zu schaffen.
(Ludwig Wittgenstein, am 28. Dezember 1929 im Manuskriptband IV. Philosophische Bemerkungen)

Die Familiengeschichte “Wittgenstein” beginnt am Ende des 18. Jahrhunderts, in einem kleinen Dorf namens Laasphe im Fürstentum Wittgenstein im heutigen Westfalen. Etwa zu dieser Zeit nimmt Moses Meier, der Sohn von Meyer Moses aus Laasphe, dem Gutsverwalter des Fürsten, den Namen Wittgenstein an.

Hermann Christian Wittgenstein, Ludwig Wittgensteins Großvater, wurde am 12.9.1802 in Korbach im Fürstentum Waldeck geboren, wo der Vater Moses Meier-Wittgenstein mit seiner Ehefrau Brendel Simon das größte Handelsunternehmen am Ort aufgebaut hatte. Zum protestantischen Glauben übergetreten, heiratet Hermann Christian Wittgenstein 1839 Fanny Figdor (geb. am 7.4.1814 in Kittsee, gest. am 21.10.1890 in Hietzing), die Tochter aus einer bedeutenden jüdischen Handelsfamilie Wiens, die ebenfalls noch vor der Eheschließung den protestantischen Glauben angenommen hatte. Hermann Christian hatte sich, wahrscheinlich in der Folge des Niedergangs der Geschäfte in Korbach, bereits in der Handelsmetropole Leipzig als Wollgroßhändler selbständig gemacht, nach 1838 in Partnerschaft mit der Familie seiner Frau.

Die ersten sieben Kinder sind in Gohlis, dem Wohnsitz der Wittgensteins bei Leipzig, geboren: Anna 1840, Marie 1841, Paul 1842, Bertha 1844, Louis 1845, Karl, Ludwig Wittgensteins Vater, 1847 und Josephine 1848. 1850 übersiedelt die Familie nach Österreich, zunächst nach Vösendorf und 1860 schließlich nach Wien. In Österreich widmet sich Hermann Christian Wittgenstein erfolgreich dem Immobiliengeschäft, indem er heruntergewirtschaftete Güter, vorzugsweise in Ungarn und auf dem Balkan, aufkauft, um sie dann in verbessertem Zustand mit Gewinn zu veräußern. In Vösendorf wurden die vier jüngeren der elf Geschwister geboren: Clara, die Lieblingstante von Ludwig Wittgenstein, 1850, Milly 1852, Lydia 1854 und Clothilde 1855.

Hermann Christian Wittgenstein

Hermann Christian Wittgenstein (1802-1878), Großvater von Ludwig Wittgenstein

Karl Wittgenstein mit seinen zehn Geschwistern aufgenommen anläßlich der silbernen Hochzeit von Hermann Christian Wittgenstein und Fanny, geborene Figdor

Karl Wittgenstein mit seinen zehn Geschwistern aufgenommen anläßlich der silbernen Hochzeit von Hermann Christian Wittgenstein und Fanny, geborene Figdor

Karl, Ludwig Wittgensteins Vater, wohl der stärkste Charakter unter den elf Geschwistern, war als Spaßmacher der Familie in seiner Unternehmungslust unberechenbar: Mit elf Jahren versucht er das erste Mal von zu Hause davonzulaufen, mit siebzehn muß er nach einem consilium abeundi das Gymnasium verlassen, weil er in einem Aufsatz die Unsterblichkeit der Seele bezweifelt hatte. Ein Jahr darauf, 1865, brennt er schließlich nach Amerika durch. Völlig mittellos im Staate New York angekommen, sein einziger Besitz war eine Geige, schlägt er sich zunächst als Kellner, Barmusikant und als Barkeeper durch. Später ist er als Lehrer tätig, unter anderem für Musik, Violine und Horn, für Mathematik und Deutsch, Latein und Griechisch. Fast ein Jahr läßt er die Familie ohne Nachricht. Der folgende Briefwechsel, vor allem mit den Geschwistern, zeigt, wie schwer diese Zeit in Amerika für ihn war, aber auch, wie dieses Abenteuer ihm Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten gegeben hat. Nach mehr als zwei Jahren kehrt er Anfang 1867 zur Familie nach Wien zurück. Auch der Respekt für die elterliche Autorität ist gewachsen: Auf jeden Fall werde ich das thun, was meine Eltern wollen. (Familienerinnerungen der Schwester Hermine Wittgenstein)

In Wien absolviert er ein kurzes Studium an der Technischen Hochschule, gefolgt von einer Reihe Volontärstellen in verschiedenen technischen Betrieben. Seine Karriere beginnt 1872, zunächst als technischer Zeichner, später als Ingenieur für den Bau der Teplitzer Walzwerke. 1876 wird er in den Direktionsrat gewählt, 1877 ist er bereits Direktor der Teplitzer Walzwerke und bald deren Hauptaktionär. Er gründet das erste Schienenkartell Österreich-Ungarns und übernimmt 1884 sämtliche Aktien der Böhmischen Montangesellschaft. Neben der Übernahme und Gründung weiterer Stahlwerke (Poldihütte, Rudolfshütte etc.) vereinigt er 1886 als Zentraldirektor die Teplitzer Werke mit der Prager Eisenindustriegesellschaft im ersten österreichischen Eisenkartell.

Ausschlaggebend für diese bemerkenswerte Karriere waren Eigenschaften, für die man ihn unter anderem als Amerikaner in Österreich bezeichnete: Entschlußkräftig, arbeitsam, zielstrebig und in seinen Entscheidungen unkonventionell, mit der Bereitschaft für große Risiken.

Anfang 1898, im Alter von 52 Jahren, zieht sich Karl Wittgenstein unter dem Einfluß massiver öffentlicher Kritik von allen seinen Ämtern zurück, auch vom Verwaltungsrat der österreichischen Kreditanstalt. In einer Protesthandlung transferiert er sein Vermögen in Grundbesitz und Wertpapiere in der Schweiz, Holland und den USA. Hierdurch sichert er das von ihm erarbeitete Vermögen seiner Familie durch die Weltkriege, das sich durch die folgende Inflation noch erheblich vermehrt.

Die Mutter von Karl Wittgensteins acht Kindern ist Leopoldine Kalmus, genannt Poldi, geboren am 14.3.1850 in Wien. Er hatte sie 1873 geheiratet, zu Anfang seiner erstaunlichen Karriere. Jacob Kalmus, sein Schwiegervater, ein recht erfolgreicher Wiener Geschäftsmann, entstammt einer jüdischen Familie aus Prag, dessen Mutter aber bereits zum katholischen Glauben übergetreten war. Seine Frau Marie Stallner stammt aus einer katholisch-österreichischen Familie von Kaufleuten und Landbesitzern aus Lichtenwald in der Steiermark (im heutigen Slowenien).

Das wohl stärkste verbindende Element zwischen den Eltern war die Musik, die auch für Ludwig Wittgenstein zeitlebens eine prägende Wirkung hatte. Poldi Wittgenstein selbst war eine begabte Pianistin, die das Haus Wittgenstein in der Alleegasse in Wien als ein musikalisches Zentrum führte. Zu den Künstlern, die regelmäßig zu Gast waren, gehörten Joseph Joachim, der Adoptivsohn von Fanny und Hermann Christian Wittgenstein, Johannes Brahms, Clara Schumann, Josef Labor, Gustav Mahler und Bruno Walter. Die Begeisterung für das Musizieren und das Zuhören blieb, auch als die “Kinder” schon erwachsen waren: Brahms, Clara Schumann und Mahler waren häufige Gäste des Hauses. Richard Strauß spielte gewöhnlich Duette mit Paul. Sie entwickelten die selbe Begeisterung für die Kammerwerke von Luis Spohr. Karl unterstützte Schönberg; Bruno Walter, das Joachim Quartett, Erica Morini und Pablo Casals konnten an einem Abend im Gespräch und beim Spielen gehört werden. In ihren ersten privaten Aufführungen spielte R. Mühlfeld Brahms' Klarinettensonaten. Bilder von Gustav Klimt und den Wiener Secessionisten konnte man zusammen mit ... den frühen Werken von Puvis de Chavannes, Mestrovic und Segantini sehen, die neben Meistern der Münchner und Wiener Schule hingen. Großartige Autographen der Wiener Klassiker konnte man gelegentlich aufgeschlagen daliegen sehen, wenn man im Gespräch mit Hanslick oder Kalbeck umherging. (E. Findell, Music Review 32/1971).

Der Vater Karl Wittgenstein (1847-1913)

Der Vater Karl Wittgenstein (1847-1913)

Karl Wittgenstein mit seiner Frau Leopoldine

Karl Wittgenstein mit seiner Frau Leopoldine

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